Asyl in der Kirche: Interview mit Pfarrer Joachim Poggenklaß

25 Jahre Ökumenisches Netzwerk Bielefeld

Immer wieder hört und liest man, dass Kirchenasyle lediglich geduldet oder auch illegal seien.
Alle Kirchenasyle werden den Ausländerbehörden und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gemeldet. Sie erhalten eine sogenannte ladungsfähige Adresse, über die sie stets postalisch erreichbar sind und selbst Post versenden können. Als erstes gilt: Flüchtlinge im Kirchenasyl sind also nicht versteckt oder untergetaucht.
Zweitens: Die Bedingungen für Kirchenasyle wurden auf Beschluss der Innenministerkonferenz durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seit dem 1. August 2018 drastisch verschärft. Es behandelt die Flüchtlinge so, als hätten sie sich versteckt. Das aber entspricht nicht der Wahrheit.

Seit etwa drei Jahren gibt es das sogenannte Dublin-Verfahren. Was hat es damit auf sich?
Normalerweise wird das Asylverfahren eines Flüchtlings in dem europäischen Land durchgeführt, das er zuerst betritt. Melden sich Flüchtlinge dort, werden sie registriert. Beantragen sie danach in einem anderen europäischen Land Asyl, wird geprüft, ob sie in der europäischen Datei für alle Registrierten zu finden sind. Werden sie gefunden (etwa ihr Asylgesuch in Italien), müssen sie dorthin zurückkehren. Ihr Asylantrag wird in Deutschland nicht bearbeitet.
Es gibt Länder, in denen geradezu menschenrechtswidrige Verhältnisse herrschen. Dazu gehören  Korruption, Diskriminierung, Haft, unzureichende medizinische Versorgung, Obdachlosigkeit, kein Schutz durch Polizei und andere Behörden, sexuelle Übergriffe, Missbrauch, Versklavung und dergleichen mehr. Wer das für sich befürchtet und plausibel machen kann, kann Kirchen­asyl erhalten.
Wenn jemand in ein anderes europäisches Land zurückkehren soll, aber nicht innerhalb einer bestimmten Frist dorthin verbracht bzw. abgeschoben wird, erhält diese Person ein Asylverfahren in Deutschland. Diese Frist warten die Menschen im Kirchenasyl ab.

Zurück nach Bielefeld. Wie viele Kirchenasyle hat es im Laufe der 25 Jahre eigentlich gegeben?
Seit Beginn gab es in Bielefeld Kirchenasyle für über einhundert Menschen. Manche haben wenige Tage gedauert, einige mehrere Monate oder gar Jahre. Differenziert waren das 47 Kinder, 22 erwachsene Frauen und 47 erwachsene Männer.

Gab es etwas Besonderes in dieser Zeit?
Ja, im Oktober 2018 wurde ein kleines Mädchen im Kirchenasyl geboren.

Wie funktioniert das Netzwerk Kirchenasyl in Bielefeld?
Das Ökumenische Netzwerk ist ein Arbeitsfeld im Sozialpfarramt des Evangelischen Kirchenkreises Bielefeld. Die grundlegenden Entscheidungen trifft die Vollversammlung. Sie tagt alle sechs bis acht Wochen und besteht aus Delegierten der Mitgliedsgemeinden.

Was ist in Bielefeld anders als in anderen Kirchenasyl-Netzwerken?
Das Netzwerk ist ökumenisch. Es besteht aus christlichen Gemeinden der Evangelischen Landeskirche, dem katholischen Bistum und Freikirchen wie der Evangelisch-Methodistischen Kirche, der Hoffnungsgemeinde und der Gemeinde „Christus für alle“.
Die meisten evangelischen Gemeinden gehören zum Evangelischen Kirchenkreis Bielefeld. Auch die Diakonische Gemeinschaft Nazareth aus Bethel ist von Anfang an dabei. Später kam auch die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) hinzu, wie auch die Evangelische Jugend.

Und wie finanziert sich die Arbeit?
Alle Gemeinden zahlen zur Finanzierung der laufenden Kosten einen Jahresbeitrag. Dieser beträgt aktuell 150 Euro pro Jahr. Und natürlich brauchen wir immer wieder Spenden. Die bekommen wir sowohl von Einzelspendern wie von Gemeinden, von letzteren oft aus Gottesdienstkollekten.

Was sind die größten Kostenausgaben?
Das meiste Geld verwenden wir für Lebensmittel und die Versorgung der Menschen im Kirchenasyl. An zweiter Stelle steht der Aufwand für die Wohnungen.  Nachdem die Geflüchteten früher in Gemeindehäusern und freistehenden Wohnungen der Kirchengemeinden lebten, sind  sie heute in zwei kleinen Wohnungen untergebracht. Diese  gehören der Evangelischen Kirche und werden weitestgehend vom Evangelischen Kirchenkreis finanziert. Die Betreuung der Wohnungen unterliegt einer Gruppe von Ehrenamtlichen aus den Kirchengemeinden in Schildesche, der evangelischen, der methodistischen und der katholischen.  Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören in der Regel zugleich der Gruppe „Asyl Schildesche“ an und sind so auch vor Ort mit anderen Initiativen vernetzt. 

Über dieses enge Netzwerk hinaus gibt es sicher auch weitere Partner?
Natürlich. Ohne ginge das gar nicht. Das Netzwerk arbeitet eng mit den Kirchen zusammen, insbesondere mit dem Beauftragten für Migration und Flüchtlinge der Evangelischen Kirche von Westfalen, dem Landeskirchenamt, dem Netzwerk Asyl in der Kirche NRW und der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche – über diese auch mit dem Flüchtlingsrat NRW.
Und vor Ort ist das Netzwerk eng mit folgenden Initiativen und Einrichtungen verbunden: Arbeitskreis Asyl e.V., dem Medinetz, IMAG, DRK, Amnesty International, Arbeitskreis für Interdisziplinäre Flüchtlingsarbeit, Diakonie für Bielefeld, Diakonie Bielefeld-Brackwede, Alpha-OWL, Clearinghäusern, Anwaltskanzleien, Arztpraxen, Kliniken uvm.

Ihr Wunsch nach 25 Jahren Netzwerk?
Dass möglichst alle Geflüchteten Hilfe bei uns erhalten – im Rahmen der vorhandenen Kapazitäten. Und dass auch weiterhin diese Hilfe unabhängig von Herkunft, Religion und dergleichen gewährt wird. Dafür gelten die Maßstäbe der Menschenrechte aus der UN-Charta.

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