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Auf der Flucht vor Militärjunta und Menschenhändlern

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Frau aus Myanmar findet Schutz im Bielefelder Kirchenasyl

Von Uwe Pollmann

Allmählich fühlt sich Ja Min wieder etwas sicherer. Seit Ende Mai lebt die 30-jährige Frau aus Myanmar in einer kleinen Wohnung in Bielefeld-Schildesche. Nach einer jahrelangen Odyssee, auf der Flucht vor einem brutalen Regime in dem südostasiatischen Land und einem anscheinend weltweit organisiertem Menschenhändlerring, landete sie hier im Kirchenasyl.

2022 hatte die politische Aktivistin ihre Heimat in Richtung Thailand verlassen. „Aung San Suu Kyi war verhaftet worden“, berichtet Ja Min über den Sturz der Regierungschefin durch die Militärs. „Viele demonstrierten, ich und meine Familie auch. Viele starben, wurden verhaftet. Dabei wollten wir Freiheit und Demokratie. Aung war gut für das Land. Wir waren glücklich. Man merkte, es ging aufwärts.“

„Die Polizei verfolgte und verschleppte uns Demonstranten“
Doch mit dem Umsturz in Myanmar wurden hunderte Menschen ermordet, zehntausende verfolgt und festgenommen. Auch Ja Min und ihre Geschwister standen anscheinend auf den Listen der Militärjunta. „Die Polizei begann, die Demonstranten zu verfolgen, zu schlagen, in Autos zu verschleppen. Viele haben sich nicht mehr nach Hause getraut. Ich konnte mich immer wieder verstecken. Aber meine Mutter riet mir, nach Thailand zu gehen. 

In Thailand schlug sich die junge Frau mit Hilfsjobs etwa in Restaurants durch. Aber eine Kollegin denunzierte sie als Unterstützerin der Opposition. Da kam ein Arbeitsangebot von einer Agentur für Dubai gerade recht. Nach einem Online-Interview sollte sie Videos einreichen, wie sie putzt, bügelt oder Betten macht: „Nur ging es plötzlich nach Bulgarien. Als ich dort ankam, wusste ich nichts. Ich kannte weder das Land noch den Boss, für den ich arbeiten sollte.“

Auf der Flucht in die Fänge von Menschenhändlern

„Ich musste dort gleich anfangen zu arbeiten, obwohl ich mich von der Reise nicht mal ausruhen durfte.“ Das große Anwesen erstaunte die Frau aus Myanmar. An mehreren Stellen sah sie Waffen, schildert sie. Das Anwesen sei auch von bewaffneten Männern bewacht worden. Nur: Wer war der Besitzer dieses einem Palast ähnlichen Gebäudes, wo mehrere Bedienstete arbeiteten, hat sie sich gefragt? „Alle, die wie ich dort gearbeitet haben, kamen aus Asien“, so Ja Min: „Bei Google sah ich, wie bekannt dieser Mann ist, in Wirtschaft und Politik.“ Sie entdeckte, dass er anscheinend einer der reichsten Männer Bulgariens ist – sogar mit einem wikipedia-Eintrag.

Gleich zu Beginn musste die Asiatin einen Vertrag unterschreiben, über den sie kaum aufgeklärt wurde und den sie wieder abgeben musste. In zwei Jahren sollte sie ihn zurückerhalten, sagt sie: „Obwohl versprochen wurde, dass man nur acht Stunden arbeitet, waren es täglich über zehn Stunden. Ohne eine Ruhepause.“ Bei den kleinsten Fehlern habe es Drohungen gegeben, und es sei das Gehalt gekürzt worden. Auch wurde vom versprochenen Lohn vieles abgezogen wie Reisekosten oder Kosten für die Unterkunft. 

„Die Flüchtlinge funktionieren wie Sklaven“
„Das nenne ich ein Mafia-System. Die Flüchtlinge funktionieren wie Sklaven“, schimpft Ulla Hagemann, Diakonin und Presbyterin in der Evangelischen Stiftskirche in Schildesche. Seit Jahren engagiert sie sich in der Ökumenischen Flüchtlingsinitiative Schildesche, die mit rund zehn Aktiven Geflüchtete im Kirchenasyl betreut. Sie ist entsetzt über die Verhältnisse, in denen viele wie Ja Min landen: „Sie haben kein Geld, keine Dokumente. Sie sind den Leuten ausgeliefert.“

Anfang Juni hat Rentnerin Ulla Hagemann die junge Geflüchtete kennengelernt. Da war Ja Min schon wochenlang unterwegs gewesen. Nach fast einem Jahr in Bulgarien war sie geflohen, mit Bus und Bahn in München gelandet und kam von dort über die Landeserstaufnahmeeinrichtung NRW in Bochum nach Ostwestfalen-Lippe. 

Nach einer Anhörung in einer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Bielefeld „wurde entschieden, dass ich nach Bulgarien zurückreisen sollte“, berichtet Ja Min. Denn laut der sogenannten Dublin-Verordnung sind für Asylanträge jene Länder zuständig, in die Asylsuchende zuerst eingereist sind: für Ja Min also Bulgarien. „Ich will aber nicht dorthin zurück. Mein Leben ist dort bedroht.“

Kirchenasyl rettet der Zurückweisung nach Bulgarien

Über Freunde aus Myanmar erfuhr sie von der Chance des Kirchenasyls. “Damit genießt sie nun zumindest einen gewissen Schutz“, erklärt Ulla Hagemann: „Nachdem sie ins Kirchenasyl kam, ging sofort eine Nachricht an das Bundesamt und die Ausländerbehörde, dass sie dort ist.“ Dieser geduldete Zustand beruht auf einer Absprache zwischen Staat und Kirche. Die Geflüchteten bleiben dort, bis sie in Deutschland offiziell einen Asylantrag stellen können. Das kann bis zu sechs Monate dauern Bei Ja Min war das im März, erklärt Keles Koyun vom Ökumenischen Netzwerk zum Schutz von Flüchtlingen im Kirchenkreis Bielefeld

„Die Chancen auf Asyl sind für sie sehr gut“, so Koyun. „Sie war in einem Bürgerkriegsland politisch engagiert.“ Eine Rückführung nach Bulgarien wäre fatal: „Dort sind Flüchtlingsunterkünfte überfüllt, verschimmelt und verdreckt. Die Gefahr in Bulgarien ist, dass die Leute auf der Straße landen, weil sie keine Arbeit und Wohnung haben.“

Außerdem könne sie wieder „in die Fänge dieser Mafia geraten“, befürchtet Ulla Hagemann. Davor schaudert es auch Ja Min: „Das sind sehr gefährliche Leute.“ Immer wieder geriet Bulgarien als Hort für Menschenhandel in der Vergangenheit in die Schlagzeilen. 

Dass mit Menschenhändlern nicht zu spaßen ist, weiß die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl (Frankfurt/Main). „In Italien wurden kürzlich afghanische Erntehelfer umgebracht, die sich beschwert hatten“, berichtet der rechtspolitische Referent Andreas Meyerhöfer. Das Fehlen legaler Fluchtwege dränge viele Menschen in illegale Strukturen und in die Schattenwirtschaft im südlichen Europa. „Geflüchtete dürfen nicht so einer ausbeuterischen Situation ausgesetzt werden.“

Der Flüchtlingsrat NRW befürchtet jedoch, dass viele ausgebeutete Flüchtlinge gar keine Chance mehr haben, überhaupt Hilfe zu erhalten. „Es gibt weniger Verfahrens- und Sozialberatungen in den Unterkünften“, sagt Geschäftsführerin Birgit Naujoks. Die öffentlichen Gelder dafür seien eingeschränkt worden. Oft gebe es in einer Einrichtung nur noch eine halbe Stelle, für die sich kaum noch Fachkräfte finden würden.

Ja Min freut sich umso mehr, dass sie über Landsleute aus Myanmar Kontakt zum Kirchenasyl bekam. Natürlich denkt sie oft an ihre Familie, die mittlerweile wegen der Bedrohungslage an vielen unterschiedlichen Orten lebt: „Besonders an Feiertagen vermisse ich sie sehr.“ Aber: „Die Menschen hier sind sehr gut zu mir.“ Und sie hofft, sich in Deutschland eine Existenz aufbauen zu können: „Ich lerne ernsthaft die deutsche Sprache und Kultur. Denn ich möchte hier gern in der Krankenpflege arbeiten.“


Hintergrund: Kirchenasyl 
Ende Mai 2026 befanden sich laut Ökumenischem Netzwerk Asyl in der Kirche in NRW in unserem Bundesland 113 Menschen in 90 Kirchenasylen, davon 88 Dublin-Fälle. 200 Kirchenasyle wurden in den zwölf Monaten davor beendet, davon 184 erfolgreich. Bundesweit sind die Fälle (in Dublin-Verfahren) leicht zurückgegangen (bei sinkenden Asylzahlen): 2025 wurden dem BAMF im vereinbarten Verfahren 1.750 Kirchenasyl-Fälle gemeldet (2024: 2.386, 2023: 2.065).

Kirchenasyl in Bielefeld wird durch das Ökumenische Netzwerk zum Schutz von Flüchtlingen und den Evangelischen Kirchenkreis Bielefeld getragen. Die Geflüchteten kommen in drei Wohnungen unter, die von Kirchengemeinden zur Verfügung gestellt werden. Ehrenamtliche unterstützen die Hilfesuchenden im Alltag und bieten auch Sprachkurse an. Die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und medizinische Versorgung übernehmen das Netzwerk und mehr als 25 Bielefelder Kirchengemeinden. Soziale Leistungen erhalten die Geflüchteten in dieser Zeit nicht.

Kontakt: Ökumenisches Netzwerk zum Schutz von Flüchtlingen / Markgrafenstraße 7, 33602 Bielefeld / Telefon: 0521 / 5837-0 (Zentrale)

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Schutz im Kirchenasyl: Darüber freut sich Ja min aus Myanmar. Diakonin und Presbyterin Ulla Hagemann gehört zu den Menschen, die sie unterstützen, Foto: Uwe Pollmann/Ev. Kirchenkreis Bielefeld
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