Systemisches Familienstellen ist der Titel eines Seminars, das Pfarrer Ulrich Melzer im September anbietet. Im Interview verdeutlicht er, worum es dabei geht, wer eingeladen ist, was die Teilnehmenden erwartet und welchen Nutzen das Familienstellen bringt. Melzer macht beim Evangelischen Kirchenkreis Bielefeld Angebote für Studierende und junge Erwachsene.
Systemisches Familienstellen: Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Der Ansatz dient dazu, mehr über sich selbst und persönliche Belastungen herauszufinden, denn manchmal gibt es unlösbar erscheinende Probleme: Krankheit, Traumatisierung, Konflikte in der Familie über Generationen hinweg. Es kann auch um Stress im Beruf oder Studium oder um Ängste gehen.
Wie läuft das konkret ab?
Jemand bringt ein Thema mit und erzählt davon. Der Aufstellungsbegleitende entwickelt daraus ein Setting, um das Geschilderte anzuschauen. In diesem Setting können andere Teilnehmende für Personen, Werte, Gefühle, repräsentieren, die genannt werden. Sie übernehmen freiwillig eine Repräsentanz im System. Die Person, die ein Anliegen mitgebracht hat, braucht erst einmal gar nichts zu tun. Auch sie wird repräsentiert und kann alles in Ruhe anschauen.
Sie sind Pfarrer im Evangelischen Kirchenkreis Bielefeld. Muss man fromm sein, um mitmachen zu können?
Auf Hebräisch heißt fromm „tam“. Was zugleich „ganz“ bedeutet. Wie werde ich ganz, sodass alles seinen Platz bekommt und niemand in der Spaltung leben muss? Das gilt für alle Menschen jenseits von Konfession, Religion oder der eigenen Weltanschauung. Insofern arbeiten wir metamoralisch. Moral macht anderen gerne ein schlechtes Gewissen. Wir werden auf unsere Defizite festgelegt. Ethik ist der Umgang für freie Leute. Ich handle frei aus Werten heraus. Jenseits von Vorstellungen, was „man“ tun muss. In diesem Sinne ist Aufstellungsarbeit ein menschheitliches Projekt und offen für alle.
Sie nennen ihre Form des Familienstellens „christozentrisch“. Was heißt das?
In dieser Form der Aufstellungsarbeit wird das Glaubensbekenntnis ernst genommen. Es brauchte Jahrhunderte, bis man ein Bekenntnis formulierte, in dem Gott als Geist bekannt wurde und wird. Dieser Geist ist der Geist Jesu Christi, der nach christlicher Überzeugung in der Welt ist. Indem man sich diesem Geist öffnet, ist er eine Ressource, auch für Aufstellungsarbeit. Jesus Christus ist in seinem Geist erlösend und befreiend präsent.
Klingt sehr theologisch.
Ist es auch und zugleich eine Unterstützung für alles, was an Themen da ist. Erlösung und Befreiung ist ebenfalls menschheitlich zu sehen. Zugänglich für Menschen, die sich diesem Geist öffnen. Die Dynamik der Aufstellung im Geiste Jesu Christi strebt nach einem heilvollen Schlussbild. Von da aus lässt sich freier in die eigene Zukunft gehen.
Und christozentrisch?
Christliches gibt es schon so viel. Die Inhalte sind oft beliebig oder gar eher abschreckend. Insofern soll dieser Begriff die Gegenwart Jesu Christi genauer ausdrücken.
Wie sind Sie selbst dazu gekommen?
Ich war vor etlichen Jahren in einer Krise, sowohl dienstlich als auch privat. In einem Klosteraufenthalt kam ich durch Zufall in ein Aufstellungsseminar. Plötzlich verstand ich die Zusammenhänge, zugleich fand sich auch eine Lösungsrichtung. Kurz gesagt: Dadurch kam ich wieder auf die Beine. Später habe ich selbst eine Ausbildung für diese Art der Aufstellungsarbeit gemacht und biete das nun auch an. Aufstellungsarbeit ist keine Therapie, kann zuweilen aber therapeutische Folgen haben.
Ich könnte mir vorstellen, dass sich Interessierte nicht so leicht trauen…. Manches möchte man nicht so gerne vor anderen zeigen.
Ja, das ist ein wichtiger Punkt, danke. Niemand ist gezwungen, irgendetwas von sich preis zu geben. Deshalb schauen viele erstmal nur zu. Häufig ist es so, dass nach einem halben Tag sehr viel gelacht wird.
Lachen bei schweren Themen?
Es hat etwas sehr Befreiendes zu sehen: Dieses Thema gibt es auch bei anderen. Und dann erkennt man: Es gehört gar nicht zu mir; ich brauche mich nicht mehr zu schämen. Und zugleich wird eine Lösungsrichtung sichtbar.
Oft erleben sich Menschen dann so befreit, dass sie lachen, denn: Wahrheit macht frei (vgl. Johannes-Evangelium, Kapitel 8, Vers 32).
Weitere Infos finden Sie hier.
Anmeldungen bis zum 16.9.26 formlos an Ulruch Melzer: esg.pfarrer@uni-bielefeld.de

